„Mehr Individualität, mehr Zeitwohlstand“

Im W&V-Interview äußert sich Vorstandssprecherin Karen Heumann erstmals über die neue Agenturmarke thjnk, barrierefreies Arbeiten und die Suche nach Talenten.

Interview als PDF

 

Frau Heumann, Sie sind Deutschlands prominenteste Werberin. Aber der Bekanntheitsgrad Ihrer Agentur thjnk dürfte in derBranche allenfalls bei fünf Prozent liegen. Stimmen Sie zu?

Das Wichtigste ist, dass täglich ein Prozent dazukommt. Und das gelingt uns gerade durch Arbeiten wie die ARD-Kampagneund den vielbeachteten Film für die Commerzbank. Und natürlich durch das verzwickte „j“ in der Wortmitte.

 

In der Telefonzentrale melden sich die Kollegen mit Trautmann, Heumann, Jochum und Kemper. 

Wir möchten einfach keinen Anrufer verlieren, der noch Kempertrautmann erwartet. Aber ab nächstem Jahr heißt es dann thjnk. Ich habe gestern gelesen: „Wer es eilig hat, läuft langsam.“ In diesem Sinne setzen wir jeden Schritt sehr bedacht, und sind genau deshalb in vielem trotzdem schnell.

 

Im Vorstand fällt Ihnen die Aufgabe zu, jetzt aus thjnk eine Marke zu machen. Wofür steht sie denn nun?

Wir wollten keinen Kürzelhusten, wie André Kemper es formuliert hat. Wir wollten kein „KTJH“. Und dann kam Armin Jochum mit „thjnk“ um die Ecke, und wir wussten sofort, das ist es! Ein Name, der uns als Personen enthält und doch deutlich darüber hinausweist. Es gibt diese Magie im gestalterischen Prozess, dass sich ein Sinn entpuppt, den man nur unbewusst umkreist hat. Jetzt gibt es diesen treffenden Namen, der uns sehr inspiriert, und den wir mit Leben füllen werden.

 

Und das sagt ausgerechnet eine Strategin.

Ja. So ist das manchmal. Vieles ist Fortune. Ich überlasse Dinge ungern dem Zufall, aber wenn er lächelnd anklopft, sollte man ihm eine Chance geben. thjnk ist für uns ein Entfaltungsraum. Und in den Dingen, die wir weben, in unserer Kultur und unserem Produkt, soll man erkennen, dass uns der richtige Gedanke wichtig ist. Das ist der Anspruch.

 

Ein guter Gedanke ist doch Basis für jede erfolgreiche Kampagne.

Natürlich. Und dennoch gibt es eine Menge Werbung, bei der es sich offensichtlich um den zweitbesten Gedanken handelt. Oder einen Triple-A-Gedanken, der lange ideal funktionierte und mit der Zeit zur Formel erstarrt ist. Wir glauben, dass es auch aus der Art der täglichen Zusammenarbeit kommt, ob neues Denken wirklich eine Chance hat. Und hier liegt ein Schlüssel für die Entscheidung von Armin und mir: Wir trafen auf Menschen, die dabei waren, ihre Dinge neu zu ordnen.

Michael (Trautmann, Anm. d. Red.) und André waren offen für die nächste Agenturzündstufe. Jetzt bauen wir gemeinsam an einem Kulturraum, in dem barrierefreies Arbeiten und Denken möglich ist. Als Kind war mein Lieblingslied „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“. Ich wünsche mir, dass man diese Melodie hört, wenn man bei thjnk ist.

 

Klingt ziemlich abstrakt.

Sicher wäre es einfacher, eine Systemneuigkeit oder das, was man neudeutsch Tool nennt, zu annoncieren. Aber: „Jedes Mittel ist nur plumpes Werkzeug, wenn kein lebendiger Geist dahintersteckt.“ In unserer Branche gilt das doppelt: Wir leben von Inspiration und Talent. Unser Erfolg hängt ab von außergewöhnlichen Köpfen, die ihre Ideen mit uns teilen. Deren erste Adresse wollen wir sein.

 

Trotzdem: Kempertrautmann hat, obwohl erst acht Jahre alt, eine eigene Kultur entwickelt. Michael Trautmann hatte in den ersten Wochen durchaus damit zu kämpfen, als Sie Schwachstellen aufgezeigt haben. Wo haben Sie die Stellschrauben angesetzt?

Jeder, der von außen kommt, hat den Vorteil, Dinge unvoreingenommen zu betrachten. Und Michael hat sich gewünscht, dass wir ungefiltert Feedback geben. Ich war zum Beispiel positiv überrascht, wie digital die Agentur ist, und auch über die echte Kundenorientierung allen Handelns. Hier herrscht ein frischer unternehmerischer Geist. Wir haben aber manche Austausch-Rituale wieder belebt. Das ist ins Hintertreffen geraten durch das rasante Wachstum.

 

Neben der Veränderung der Meeting-Kultur: Was ist mit Strukturen? Mal ehrlich: Die wenigsten Agenturen wissen, wie sie Digitales sinnvoll integrieren.

Ich glaube, Digitales integriert man nicht. Digital muss man sein. Und ich glaube, über all dem steht, dass eine Agentur Marke können muss. Markenentwicklung ist der Kern unseres Schaffens und sollte natürlich dann auch der Kern unseres Könnens sein. KT hat schon vor unserer Zeit die Multichannel-Agentur KT Change in der Gesamtagentur aufgehen lassen, ein Digitaljahr initiiert und mit dem Brand-Owner eine neue Funktion eingeführt. Er ist speziell dafür verantwortlich, die ihm anvertraute Marke nach vorne zu bringen – über alle möglichen Maßnahmen und vor allem über alle Instrumente hinweg. Mit allen Befugnissen, die das intern braucht.

 

Neu ist das nicht.

Das stimmt, so etwas gibt es bereits in verschiedenen Ausprägungen. Aber die rasant wachsenden medialen Möglichkeiten machen eine unbedingte Markenorientierung wichtiger denn je. Grundsätzlich glaube ich, dass all diese Systeme heute „beta“ bleiben müssen, und ihre Konstrukteure hellwach, weil viele Anforderungen morgen schon wieder anders sind. Der einzige Weg: zulassen, loslassen, sich darauf einlassen.

 

Und wie sieht dieses Zulassen und Loslassen in der Praxis aus?

Wir haben zum Beispiel zwei Mitarbeiter, die sind zu 40 Prozent ihrer Zeit freie Spieleentwickler, und zu 60 Prozent arbeiten sie für thjnk. Wir brauchen die besten Leute, und die besten Leute brauchen eine bestimmte Art von Umfeld.

 

Aber die besten Leute nützen nichts, wenn das Spielfeld nicht aufgeteilt ist und die Mannschaft nicht miteinander spielt.

Richtig, das ist absolute Grundvoraussetzung. Das ist auch einer der Hauptfilter, durch den wir Kandidaten betrachten. Wer nicht mitspielen lässt, sich nicht öffnet, ist bei uns falsch.

 

Sind nicht Sie als Trainer dafür verantwortlich?

Ja, auch indem wir selbst vieles öffnen. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Wir haben zwei Kollegen, die haben die erste Fantasieagentur der Welt gegründet, Frau Kolossa. Sie wird jetzt Teil von thjnk. Wir wollen den Leuten idealen Entfaltungsraum schaffen, auch wenn es in einer Struktur kaum abbildbar scheint.

 

 

Das Gespräch führte Kerstin Richter.

Quelle: http://www.wuv.de
© Verlag Werben & Verkaufen GmbH. Alle Rechte vorbehalten.