„Vom Saulus zum Paulus“

Kreativvorstand Armin Jochum erklärt, warum er nichts mehr von Goldideen hält / Erste Zwischenbilanz unter neuer Führung.

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Fast vier Monate herrschte Funkstille, zumindest öffentlich. Nach dem Zugang der beiden Ex-Vorstände von Jung von Matt Karen Heumann und Armin Jochum wollte sich die neu formierte Agentur thjnk (früher Kemper Trautmann) erst einmal auf die Arbeit konzentrieren, bevor sie etwas zur künftigen Ausrichtung sagt. Jetzt kommen die Chefs mit einem ausgeklügelten PR-Plan aus der Deckung.

Vorstandssprecherin Heumann meldete sich zunächst ausführlich im „Handelsblatt“ zu Wort – zum Thema Komplexität. Im zweiten Schritt, fein säuberlich aufgeteilt, ist die Fachpresse an der Reihe. Von einem zunächst geplanten 100-Tage-Gespräch mit dem gesamten Vorstand haben Heumann und ihre beiden Mitstreiter Armin Jochum und Michael Trautmann wieder Abstand genommen.

Man halte nichts von Ankündigungsverlautbarungen, erklärt die Führung der rund 200 Mitarbeiter starken Agenturgruppe mit Büros in Hamburg, Berlin und Düsseldorf, die für dieses Jahr mit einem Honorarumsatz von mehr als 20 Millionen Euro rechnet. Dennoch geht es auch bei thjnk nicht ohne große Worte: „Wir nehmen uns die Freiheit, alles zu hinterfragen, neu zu denken und unsere Entscheidungen dann konsequent umzusetzen“, sagt Jochum.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Awards. Hier hat der Kreativvorstand der Agentur einen Kurswechsel verordnet. Er will nur noch an acht Wettbwerben teilnehmen (HORIZONT 44/2012). „Ich finde, da wird im Augenblick eine verlogene Diskussion mit allerhand hanebüchenen Begründungen geführt“, sagt Jochum zur Debatte um den angekündigten (Teil) Verzicht von Jung von Matt (JvM) und Scholz & Friends. Für ihn gibt es in diesem Zusammenhang nur zwei Faktoren – Bedeutung und Qualität. Soll heißen: „Es geht darum, welche Wettbewerbe qualitativ über jeden Zweifel erhaben sind und nicht nur das Erzeugen von Rankingpunkten gewährleisten, sondern auch qualitativ profilierende Botschaften für die Agentur. Und darum, welche Arbeiten für die Handschrift der Agentur stehen sollen.“ Mit ihrer extremen Award-Optimierung hätten die deutschen Agenturen inzwischen eine Grenze überschritten.

Bemerkenswert: Dieses Statement kommt von demselben Armin Jochum, der als JvM-Kreativvorstand ein zentraler Treiber des jetzt von ihm kritisierten Systems war. Wie kommt diese Wandlung vom Saulus zum Paulus zustande? „Ja, ich war Teil des Wahnsinns. Gerade deshalb will ich dazu beitragen, das absurde Spiel zu beenden“, sagt Jochum. Ein Wendepunkt war für ihn das diesjährige Cannes- Festival, von dem er mit einer Mischung aus „Tunnelblick, maximaler Euphorie und gleichzeitig empfundener Leere“ zurückkehrte. „Da wurde mir klar, dass es so auf Dauer nicht weitergehen kann.“

Auch die Trennung zwischen Kreativund Effizienzwettbewerben hält Jochum für überholt. „Wir müssen diese Awards als gleichwertig betrachten.“ Schließlich gehe es darum, mit relevanten Arbeiten zu zeigen, welche Lösungen Agenturen für Kunden entwickeln können. „Wenn uns das gelingt, dann müssen wir auch keine Angst vor irgendwelchen Bloggern haben, die sich an unsere Fersen heften und fragen, wie eine Arbeit entstanden ist“, sagt Jochum wohl nicht ohne Seitenhieb auf seine Ex-Agentur JvM und deren viel diskutiertes Projekt „Stolpersteine“.

Im Hinblick auf das nicht sehr hohe Ansehen seiner Zunft fordert der 44-Jährige: „Wir brauchen wieder mehr Respekt für unsere Arbeit.“ Dazu gehöre Nähe sowie genaue Kenntnis der Kunden und ihrer Probleme – und keine hektisch zusammengeschusterten Goldideen für Awards. „So etwas wird es bei uns nicht geben. Wenn wir keine Arbeiten in der Pipeline haben, dann gibt’s auch nichts einzureichen.“ Wie dieser Wandel gelingt, muss sich zeigen. Auch eine Agentur wie Kemper Trautmann – aus der thjnk hervorgegangen ist – war in der Vergangenheit nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, Arbeiten speziell für den Einsatz bei Wettbewerben zu entwickeln.

Die veränderte Einstellung zu Awards ist ein wichtiges Thema. Aber reicht das als erster Gruß aus der Küche nach vier Monaten unter neuer Führung? Der Vorstand betont, dass schon weit mehr erreicht wurde. So habe man einige neue Kunden gewonnen, von denen außer Haribo aber noch keiner gemeldet werden darf. Zudem verweist Jochum auf die Kampagnen für Commerzbank (HORIZONT 46/2012) und ARD, die unter seiner Führung entstanden sind. Auch personell hat sich etwas getan. Mit Andreas Friese gibt es einen neuen Finanzchef. Ihn kennt Jochum aus gemeinsamen Tagen bei BBDO in Stuttgart.

Friese war bereits bei der Gründung der neuen thjnk-Dachgesellschaft, die als AG firmiert, behilflich und berichtet direkt an den Vorstand. Dort hat Co-Gründer Trautmann neben dem Thema Beratung die Verantwortung für die Finanzen. Sprecherin Heumann kümmert sich um Strategie, Jochum um Kreation. Der bisherige Kreativchef André Kemper agiert als Aufsichtsrat (HORIZONT 32/2012) und betreut vor allem den Großkunden Audi.

Jochum soll ebenfalls für die Automarke aktiv werden. Verstärkung für die Kreation hat er von seinem Ex-Arbeitgeber mitgebracht. Die Texter Georg Baur und Torben Otten, bei JvM für Mercedes-Benz tätig, sind als Kreativdirektoren an Bord gekommen – genauso ihre beiden Partner aus dem Bereich Art Direction. „Wir freuen uns sehr über die Anziehungskraft unserer Marke, auch was den Personalmarkt betrifft. Die Bewerber kommen aus allen Himmelsrichtungen und von allen möglichen Agenturen“, sagt Jochum.

Für eine abschließende Bilanz, was der Einstieg von Heumann und Jochum gebracht hat, ist es noch zu früh. Dennoch lassen sich erste Schlüsse ziehen: Der Vorstand scheint zu harmonieren, das nicht immer konfliktfreie Verhältnis zwischen den Gründern Trautmann und Kemper hat sich entspannt, das Geschäft läuft gut.

Die nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein leidende Agentur Jung von Matt nimmt den Konkurrenten jedenfalls sehr ernst. Ein Indiz: Jean-Remy von Matt schaltete vor kurzem eine Anzeige mit dem Hinweis auf die Erfolge seiner Agentur nach dem Wechsel der beiden prominenten Führungskräfte.

 

Das Gespräch führte Mehrdad Amirkhizi.

Quelle: http://www.horizont.net
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