#

„Wir haben zu wenige Exzentriker“

Karen Heumann in der Welt am Sonntag über die Werbung, ein Burn-out, Proust und die Suche nach der verlorenen Zeit.

Draußen, vor der Wohnung von Karen Heumann, herrscht sommerliches Treiben, hier drinnen, in der Bibliothek, ist es fast andächtig still. Regale voll mit teils wunderbar alten Büchern klettern die Wände der Hamburger Altbauwohnung hinauf, in vielen kleben kleine, bunte Reiter. Heumann zückt eins ums andere und fängt an zu erzählen. Am liebsten bei Kaminfeuer ziehe sie sich auf ihr Sofa zurück, um sich mittels der Literatur in andere Welten zu begeben, erzählt die Werberin. Angesichts ihrer vollgestopften Tage klappe dies nicht immer, aber doch immer wieder: “Plötzlich stößt man auf Bücher, die Antworten geben auf Fragen, die für einen selbst gerade sehr wichtig sind.”

Welt am Sonntag: Frau Heumann, hier zunächst ein kleiner Test für Sie. Erste Frage: Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Karen Heumann: Oh je, da gibt es so vieles! Das kann die Vorfreude auf ein herrliches Essen sein, ein gutes Buch oder einfach ein tiefes Gefühl wie Dankbarkeit – ich kann mich nicht entscheiden.

Welt am Sonntag: Welche Eigenschaft schätzen Sie an einer Frau am meisten?

Heumann: Ganz klar: Unverstelltheit.

Welt am Sonntag: Und wer sind Ihre Helden der Gegenwart?

Heumann: (Denkt nach.) Mein erster Gedanke waren Menschen, die sich gegen Gewaltregimes auflehnen. Aber ich entscheide mich für unseren Kulturkreis, da sind es alte, gebrechliche Menschen, die allein, mit sehr wenig Geld leben müssen und trotzdem nicht den Lebensmut verlieren. Das sind wirklich Helden für mich.

Welt am Sonntag: Und die Fragen? Kommen Ihnen die bekannt vor?

Heumann: Klar, die sind aus dem proustschen Fragebogen.

Welt am Sonntag: Respekt. Woher rührt eigentlich Ihre Leidenschaft für Marcel Proust? Bei einer Werberin hätte ich ein Faible für Gegenwarts- oder Popliteratur erwartet, da könnte man doch viel besser das Ohr an die Trends der Zeit legen als bei einem Autor des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Heumann: Die lese ich ja auch. Zuletzt habe ich etwa “Untitled” von Joachim Bessing gelesen oder “Open City” von Teju Cole gelesen, eine besondere Art der Welteroberung, ein moderner Strom der Beobachtung.

Welt am Sonntag: Lesen Sie Proust auf Französisch?

Heumann: Um Gottes willen, nein! Ich habe zwar lange in Frankreich gelebt, aber da habe ich auch immer auf Deutsch gelesen. Ich bin einfach ein Genussleser, ich möchte nichts lernen, sondern in die Welt eintauchen, die mir ein Autor eröffnet. All seine Ausführungen über seine Kindheit in Combray haben in mir einfach etwas zum Klingen gebracht. “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” hat ja keine richtige Handlung, das ist vielmehr eine Form von Meditation, ein neuer Bewusstseinszustand.

Welt am Sonntag: Es ist auch ein Mammutwerk von sieben Bänden. Woher nehmen Sie die innere Ruhe, sich darauf einzulassen?

Heumann: Das klappt tatsächlich nicht immer. Auch ich habe Phasen, in denen ich mir das überhaupt nicht vorstellen kann. Aber plötzlich stößt man auf Bücher, die Antworten haben auf Fragen, die für einen selbst gerade sehr wichtig sind – obwohl man das vielleicht noch nicht einmal wusste. Diese Zeitlosigkeit ist es, die große Literatur ausmacht. Eben haben wir doch die Passage gelesen, wo Proust das Wasser von Vichy beschreibt – er versteht es einfach, Empfindungen, die man selbst einmal hatte, aber die unter der eigenen Wahrnehmungsschwelle lagen, so zu beschreiben, dass sie schlagartig wieder greifbar werden.

Welt am Sonntag: Wie bei der berühmten Madeleine, die Proust in den Tee taucht und so auf einmal die Bilder seiner Kindheit wieder vor Augen bekommt. Kennen Sie so etwas auch?

Heumann: Ja, zum Beispiel, wenn ich gemähten Rasen rieche. Dann denke ich auf einmal an die Sommersamstage meiner Kindheit, und all die Gerüche, Geräusche, Bilder sind wieder zum Greifen nahe. Man nennt das, glaube ich, Epiphanie, aber das ist auch völlig nebensächlich. Was mich vor allem bewegt, ist, dass man sich durch manche Beobachtungen in Büchern ganz überraschend so unglaublich verstanden fühlen kann. Auch bei Jonathan Frantzen ging mir das so. Als ich etwa die Szene las, wo im Garten des Bruders der Rasensprenger das Geräusch einer großen Tristesse ist, wurde ich so melancholisch, dass ich fast weinen musste.

Welt am Sonntag: Verstehen Sie Lesen auch als Nahrung für Ihren Job?

Heumann: Nein, wenn ich für meinen Job lesen wollte, würde ich etwas anderes lesen.

Welt am Sonntag: Aber nehmen wir mal die Madeleine: Proust isst die und hat auf einmal diese ganzen wunderbaren Assoziationen seiner Kindheit wieder im Kopf. Ist es nicht genau das, was auch Werbung erreichen möchte?

Heumann: Sie haben natürlich vollkommen recht: Werbung sucht auch – ähnlich wie die Literatur – auf eine Weise nach dem Kern oder der inneren Wahrheit einer Sache. Bei Proust ist es zum Beispiel die erste Beschreibung des Körpergedächtnisses. Werber indes begeben sich auf die Suche nach einem Markenkern. Wenn jemand wie Proust so etwas Schönes einfängt wie den frischen Nebel, der über Vichy-Wasser hängt, dann hat das eine Poesie, die beim Leser positive Assoziationen wachruft. Genauso wird ein Werber idealerweise versuchen, eine Art Poesie zu finden, wenn er seinen Job gut machen will. Im weiteren Sinne kann man also wirklich sehr viel lernen von der Literatur. Nur lese ich nicht mit diesem Ziel. Das passiert eher en passant.

Welt am Sonntag: Sie haben zig Zettelchen reingeklebt in Ihre Bücher. Warum?

Heumann: Das weiß ich auch nicht – auf jeden Fall nicht, um die Passagen mal in einem Vortrag oder so zu verwenden. Ich würde es mir manchmal sogar wünschen, so ein kluges Zitat parat zu haben, aber ich vergesse das alles gleich wieder. Nein, Zettelchen klebe ich rein, weil ich so begeistert bin, dass jemand so kluge und so schöne Gedanken hat. Bei der Arbeit bin ich sicher zielgerichtet, aber beim Lesen nicht. Ich hoffe eher darauf, dass mir einer dieser Gedanken mal ins Gehirn fliegt, wie frischer Sauerstoff.

Welt am Sonntag: Werber müssen ja ständig kreativ sein. Haben Sie schon mal ein Kreativitäts-Burn-out gehabt?

Heumann: Ständig.

Welt am Sonntag: Und was machen Sie dann?

Heumann: Essen. Und schlafen. Und was Unanstrengendes im Fernsehen gucken.

Welt am Sonntag: Proust litt ja Zeit seines Lebens unter einer Reihe tatsächlicher, aber auch eingebildeter Krankheiten. Sagt Ihnen Hypochondrie etwas?

Heumann: Also, ich halte mich eigentlich nicht für einen Hypochonder. Aber rein theoretisch ist der Gedanke doch hübsch, einfach mal krank zu spielen und Zeit zum Denken und Schreiben zu haben und dann auch noch umsorgt zu werden wie Proust von seiner Haushälterin. Mein Ansatz wäre das nicht, aber mir gefällt, dass Proust sein Leben so gelebt hat, wie es ihm richtig erschien. Ich liebe Exzentriker und finde, dass wir hier in Deutschland viel zu wenige davon haben.

Welt am Sonntag: Proust hat ja die schöpferische Potenz des Leidens beschrieben. Muss man leiden, um kreativ zu sein?

Heumann: Auf jeden Fall – wobei Leiden nicht gleich Leiden ist. Wenn Virginia Woolf aus ihrer Depression heraus unglaubliche Werke wie “Orlando” verfasst, ist das ein anderes Leiden als die Leiden eines Werbers, der sich meines Erachtens schon immer neu quälen muss, um frische und originelle Ideen hervorzubringen. In unserem Job gibt es einfach kaum Routinen, das macht ihn sehr anstrengend, aber eben auch sehr schön.

Welt am Sonntag: Eines der Leitmotive von Proust ist ja die Suche nach verlorenen Kindheitserinnerungen? Ist das etwas, was auch Sie umtreibt?

Heumann: Nein, eigentlich nicht. Ich wollte zwar unbedingt Kind bleiben und habe als kleines Mädchen oft inständig darum gebeten, klein bleiben zu dürfen. Der Gedanke, all das zu tun, was die Erwachsenen tun müssen, hat mich total abgeschreckt. Heute ist das anders. Ich bin keine, die der Kindheit nachtrauern würde. Ich finde Erwachsensein toll, weil man da so viele Sachen für sich entscheiden kann. Ich glaube aber ohnehin, dass das Kindsein und das Erwachsensein zwei voneinander abgekoppelte Bewusstseinszustände sind, ein bisschen so wie bei Raupe und Schmetterling. Natürlich weiß ich noch, wie es war, aber mein Ich als Erwachsene ist doch ein ganz anderes. Im Gegensatz zu Proust stimmt mich das allerdings überhaupt nicht nostalgisch, das ist schon alles ganz gut so, wie es ist.

Welt am Sonntag: Sie sind frei davon, Ihre Kindheit wiederbeleben zu wollen?

Heumann: Ja, völlig. Was mich viel mehr interessiert, ist das Alter. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, alt zu sein und den Tod viel näher als heute vor dem Gesicht zu haben.

Welt am Sonntag: Dazu passt, dass Sie nach Ihrem Wechsel von Jung von Matt zu thjnk versprochen haben, sich für mehr Zeitwohlstand Ihrer Belegschaft einzusetzen. Ist das Bild des rund um die Uhr arbeitenden Werbers in Ihrer Agentur (Link: http://www.welt.de/118462316) bald Vergangenheit?

Heumann: Vermutlich nicht, nein. In meiner sechsmonatigen Pause zwischen beiden Jobs habe ich mir viele Gedanken gemacht über ein besseres Zeitmanagement, aber das Schlimme ist, dass ich meinen Traumvorstellungen total hinterherhinke. Der Erfolg unserer Agentur verhindert einfach, dass ich mein Versprechen einlösen kann: Wir haben schlicht zu viel zu tun. Grundsätzlich möchte ich aber dafür kämpfen, dass meine Leute in dem Gefühl arbeiten, ausreichend Zeit zu haben, um ihren Job wirklich außerordentlich gut zu machen. Dieses ständige Getriebensein von Smartphones, Meetings und der nächsten Abgabefrist ist so kontraproduktiv. Wer überdurchschnittliche Ergebnisse liefern will, braucht einfach Zeit. Den eigenen Leuten diese Freiräume zu verschaffen, ist heute die größte Aufgabe von guten Chefs.

Welt am Sonntag: Meinen Sie Zeit für die Arbeit oder für eine bessere Work-Life-Balance?

Heumann: Beides.

Welt am Sonntag: Und? Wie kriegen wir das hin?

Heumann: Vor allem, indem wir alle mehr darüber sprechen. Darüber, dass man für bestimmte Projekte einfach eine bestimmte Zeit braucht. Dass eine Abgabe vielleicht nicht schon übermorgen möglich ist, sondern erst nächste Woche. Dass sich das Team auch mal erholen muss, um wieder frisch und kreativ zu sein. Wir brauchen einfach wieder ein Gefühl für die Verhältnismäßigkeit der Anforderungen, da ist ganz viel im Argen. Unsere ganze Branche ist, durch viele strukturelle Veränderungen, irgendwie schockgefrostet und traut sich oft kaum noch, Grenzen zu formulieren.

Welt am Sonntag: Soll der bessere Umgang mit Zeit ein Kennzeichen von thjnk werden?

Heumann: Auf jeden Fall, da ist unser Name auch Programm. Ich möchte, dass wir einen hervorragenden Job machen, und dazu gehört, dass sich meine Leute auch ausruhen und mit neuer Energie betanken können. Aber damit wir uns nicht missverstehen: Ich plädiere hier nicht für die Ausweitung der Komfortzone, sondern des Gestaltungsraums. Ich will die besten Leute für meine Agentur, die sich heute, auch demografisch bedingt, ihre Jobs aussuchen können. Die haben einfach keine Lust mehr auf Knochenbrecherbuden, und ich finde, völlig zurecht.

Welt am Sonntag: Eine letzte Frage aus dem proustschen Fragebogen an Sie: Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Heumann: Nachdenklich, und jetzt werden alle sagen: War doch klar. Aber so ist es nun mal, ich bin immer nachdenklich.

Das Gespräch führte Ileana Grabitz

Foto Jorinde Gersina

Quelle: Welt am Sonntag
© Axel Springer AG 2013. Alle Rechte vorbehalten.