„Wir sind eine neue Agentur“

Vorstand Michael Trautmann über Kulturwandel, Profitabilität, das Image als Arbeitgeber und Machtverlust.

PDF

Vor rund einem Jahr wurde aus Kemper Trautmann die Agentur thjnk. Seitdem hat sich viel verändert. Die neuen Vorstände und Miteigentümer Karen Heumann und Armin Jochum bauen die Firma nach ihren Vorstellungen um. Im Interview mit HORIZONT erläutert Co-Chef Michael Trautmann, wie er den Wandel erlebt – und was die neue von der alten Agentur unterscheidet.

thjnk ist jetzt etwas über ein Jahr alt. Sagt eigentlich noch jemand kempertrautmann (kt)?

Immer weniger. Anfangs haben einige Kunden noch kt gesagt. Und einer – den Namen werde ich nicht verraten – macht das bis heute. Insgesamt haben wir den Namenswechsel aber gut hinbekommen.

Also kein Sparschwein, in das man Geld reinwerfen muss, wenn man kt sagt?

Überhaupt nicht. Es ist ja nicht so, dass wir uns für die Vergangenheit schämen. Wir haben den Namen nicht geändert, weil wir uns von ihm distanzieren, sondern weil wir etwas Neues wollten. Mit thjnk machen wir deutlich, dass wir neue Partner haben, die gleichberechtigt an der Spitze stehen.

Auf einige Imagewerte hat sich der Wechsel aber negativ ausgewirkt.

Das wird sich auch wieder ändern, denn wir haben uns ja substanziell verbessert. Wir wussten, dass wir ein gewisses Risiko eingehen. Aber noch mal, wir fühlen uns mit dem Namen thjnk sehr wohl.

Sie kennen die alte kt und die neue thjnk. Was außer dem Namen hat sich in der Agentur verändert?

Jede Menge. Wir haben neue Inhalte und Strukturen, einen anderen Arbeits- und Führungsstil, neue Mitarbeiter und nicht zuletzt neue Kunden. Das Wichtigste aber ist: Es konzentriert sich nicht mehr alles auf die beiden Gründer. Die Führung ist offener und greifbarer geworden. Das zeigt sich auch daran, dass der Vorstand aus dem achten in das zweite Stockwerk gezogen und nah bei den Teams ist. Wir gehen konsequent den Weg von einer Personen- zu einer Agenturmarke.

Wie passt dazu, dass sich sehr viel um Karen Heumann dreht – zumindest medial? Droht ihre Person nicht die Marke thjnk zu überlagern?

Nein. Die Stärke der Marke Karen Heumann ist der Turbo für die Marke thjnk. Karen ist eine extrem kluge Frau mit wahnsinnig viel Einsatz für ihren Beruf. Sie verkörpert in besonderer Weise die programmatische Bedeutung von thjnk: gut gedachte Arbeiten mit einem starken strategischen Fundament. Ich habe keine Sorge, dass Karens mediale Bedeutung zu einer Schieflage führt.

Ihre neuen Partner haben mehrfach erklärt, dass thjnk eine ganz andere Agentur werden muss. Das ist nicht gerade ein Kompliment für Sie und Ihren Gründungspartner André Kemper.

Ich gebe offen zu, dass ich anfangs Probleme damit hatte. Ich habe jede Kritik an kt persönlich genommen. Bis mir klar wurde, dass Karen und Armin uns bereits das größte Kompliment gemacht haben, das es gibt. Sie haben Top-Posten in Deutschlands bekanntester Agentur aufgegeben, um zu uns zu kommen. Nach dieser Erkenntnis habe ich jede Kritik als Verbesserungsvorschlag verstanden.

Was gab es denn zu verbessern?

kt ist so schnell gewachsen, dass bestimmte Dinge auf der Strecke geblieben sind. So haben sich unsere Planungs-, Budgetierungs- und Controllingsysteme nicht im notwendigen Tempo mitentwickelt. Auch Prozesse und Strukturen mussten professionalisiert werden. Ein Beispiel: Wir haben mit der AG jetzt eine echte Holding mit Servicefunktionen, unter deren Dach unsere Firmen agieren. Das war vorher nicht so klar geordnet. Aber es bleibt noch viel zu tun. Ich denke, wir brauchen noch zwei Jahre, um da zu stehen, wo wir hinwollen.

Man hört, dass vor allem die Ertragslage zu wünschen übrig ließ – und lässt.

Ja, leider. Eine Agentur mit unserer Aufstellung muss eigentlich ein zweistelliges Ebit erreichen, 15 Prozent und mehr. Das haben wir zuletzt zweimal verfehlt und werden es auch dieses Jahr nicht schaffen. Ein Grund dafür ist, dass wir viel in Leute investiert haben. Wir haben eine sehr gute, aber auch relativ teure Mannschaft. Deshalb prüfen wir gerade neue Gehaltsmodelle mit erfolgsabhängigen Komponenten. Ab 2014 wollen wir wieder eine zweistellige Marge erzielen.

Auch um den Ruf im Personalmarkt war es lange Zeit nicht zum Besten bestellt. Böse Zungen nannten kt gern „Guantanamo Bay“.

Das war maßlos übertrieben. Aber ja, wir hatten nicht überall den besten Ruf, obwohl wir viel für unsere Mitarbeiter getan haben. Jetzt ändert sich die Wahrnehmung. Wir bekommen so viele Bewerbungen wie noch nie – auch von Leuten, für die kt kein Thema war.

Liegt das auch daran, dass thjnk sehr viel über Work-Life-Balance spricht?

Das Thema ist uns in der Tat sehr wichtig. Arbeiten bei thjnk soll Spaß machen. Dazu gehört, ausreichend Zeit für sich zu haben. Ich räume aber ein, dass wir noch weit von unserem Idealbild entfernt sind. Viele Kollegen arbeiten zu viel, auch Karen und Armin. In diesem Punkt gehen sie leider mit schlechtem Vorbild voran.

Trotzdem finden Bewerber thjnk offenbar gut. Mit Stefan Janßen kommt ein neuer Finanzchef, mit Michael von Bach ein Planning-Verantwortlicher. Aber wie sieht das bei bestehenden Mitarbeitern aus? Man hört, nicht alle sind begeistert über den Wandel. Angeblich verlässt Geschaftsführer Wulf-Peter Kemper die Agentur.

thjnk ist kulturell ein anderes Angebot als es kt war, es ist eine neue Firma. Und es wird sich, jetzt, wo deutlich wird, was sich alles verändert, hier und da noch mal richtig was tun. Aber dieser Wandel ist gewollt und manchmal trennen sich dann Wege, wie bei Wulf-Peter und uns.

Wofür will die neue Agentur denn inhaltlich stehen?

Ganz wichtig ist uns wie gesagt das strategische Fundament. Arbeiten von thjnk sollen immer auf einem klugen Insight und einer differenzierenden Idee beruhen. Davon ausgehend – und stark von der kt-DNA beeinflusst – stellen wir hohe Anforderungen an Produktionsqualität, Design und Look. Dafür steht Armin Jochum genauso wie André Kemper. Zudem wollen wir die erste Adresse für die besten Leute der Branche sein. Last but not least: Wir konzentrieren uns auf Markenführung im digitalen Zeitalter. Das heißt zugleich, dass wir nicht alles machen. Die Marke thjnk hat nicht den Anspruch, alle Disziplinen anzubieten – aber den, alle zu verstehen.

Ist Internationalisierung ein Thema?

Schon eher. Wir schauen uns gerade Länder an, die für unsere internationalen Kunden wichtig sind. Noch ist aber nichts spruchreif.

Und eine Zweitmarke?

Mit loved haben wir ja bereits eine starke zweite Marke. Grundsätzlich sind wir aber weiter offen, wenn uns das Gründerteam und die Positionierung überzeugen.

Sie müssen solche Entscheidungen jetzt mit mehr Leuten abstimmen. Wie gehen Sie mit diesem Machtverlust um?

Ich empfinde das nicht als Machtverlust. Im Gegenteil: Ich bin sehr froh darüber, dass wir wichtige Themen nun in einem größeren Kreis entscheiden. Wir haben eine klare Rollenverteilung und binden unsere Führungskräfte enger ein als früher. Das entlastet mich. Ich kann mich voll auf meine Kundenmandate, Neugeschäft und die Entwicklung neuer Geschäftsfelder konzentrieren. Ich arbeite fokussierter als vorher.

Und Sie gehen möglichen Kontroversen mit Ihrem Gründungspartner aus dem Weg. Ihr Verhältnis soll zuletzt ziemlich angespannt gewesen sein.

Dass André und ich unterschiedliche Charaktere sind, ist kein Geheimnis. Wir haben zusammen große Erfolge gefeiert, bei bestimmten Themen sind wir aber nicht weitergekommen. Als klar wurde, dass er kürzertreten möchte, haben wir überlegt, wie eine Lösung aussehen kann. Ich hatte dann die Idee, Karen und Armin in unsere Firma zu holen. Mit Karen war ich schon länger im Gespräch. Wir haben bereits vor über zehn Jahren überlegt, mal etwas zusammen zu machen.

Sie kennen sich also gut. Dann erlauben Sie zum Abschluss einen kleinen Test: An welches Lied denken Sie bei thjnk?

„I think, I love“ von Jamie Cullum. Ich mag die Melodie, den Text und dass unsere beiden Marken im Titel vorkommen. Warum fragen Sie?

Weil Frau Heumann möchte, dass einem bei thjnk „Die Gedanken sind frei“ in den Sinn kommt.

Wir sind uns in so vielen Dingen einig, da darf es bei der Musik schon mal unterschiedliche Ansichten geben.

Interview: Mehrdad Amirkhizi
Foto: thjnk

Quelle: HORIZONT 36/2013
© Deutscher Fachverlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.